Experimente, Fotografie

Analoge Fotografie – veraltet oder kreative Wundertüte?

Renate Kraft

Renate Kraft

Mit dem Thema analoge Fotografie habe ich mich am letzten Wochenende zum ersten Mal seit langer Zeit wieder beschäftigt und einen Tag im Fotolabor verbracht. Ich wollte für mich ganz persönlich klären, ob ich die analoge Technik endgültig als veraltet ad acta legen oder ob ich mich in Zukunft damit beschäftigen möchte.

Natürlich habe ich früher ausschließlich analog fotografiert, weil es nichts anderes gab. Noch immer schlummern Unmengen von Fotoalben und Diakästen irgendwo bei mir im Keller. Seit Jahrzehnten habe ich mir kaum je was davon angeschaut. Und mit der Arbeit im Labor habe ich mich nie befasst. Alles viel zu technisch, zu dunkel, zu kompliziert. Und es gab ja auch an jeder Ecke Labore. Ganz anders als heute.

Und dann war ich plötzlich im ersten Semester meines berufsbegleitenden Fotodesign-Studiums gezwungen, nicht nur wieder analog zu fotografieren, sondern auch selbst zu entwickeln und zu vergrößern. Ich habe es gehasst. Ich erinnere mich an einen wunderschönen Osterfeiertag im Jahr 2015, den ich komplett in einem dunklen Fotolabor verbringen musste. Für meine Semestermappe musste ich meine Fotoserien selbst vergrößern. Scannen und drucken war verboten. Ich habe ganz schön geschwitzt.

Ich gebe zu – die analoge Fotografie und vor allem die Arbeit im Labor mal kennen zu lernen, hatte schon einen gewissen Reiz. Wenn so ein Foto im Entwicklerbad liegt und allmählich zum Vorschein kommt, dann fasziniert mich das schon. Letztlich aber hatte ich keine Lust, Stunden und Tage in dunklen Kellern zu verbringen. Aus demselben Grund hasse ich Fotostudios. So ist das eben bei einer „Draußen-Fotografin“ wie mir.

Mein erstes Semester als interessante Erfahrung abgehakt. Ich war froh, dass es ab dem zweiten Semester digital weiterging. Aber dann war ich letzten Sommer für ein Wochenende in Wiesbaden und habe dort die Fototage besucht. In den Ausstellungen war ich sehr begeistert von den vielen experimentellen Projekten, die mit analoger Technik entstanden waren. Ich liebe experimentelle Fotografie. Bei den Wiesbadener Fototagen habe ich Bilder gesehen, die so mit digitaler Technik und Photoshop niemals möglich gewesen wären. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

In meinem Keller habe ich einen kleinen Raum, der für ein Fotolabor wie geschaffen wäre. Wasseranschluss ist schon drin, ein großes Waschbecken auch. Ich fing an, darüber nachzudenken, mir ein eigenes Labor einzurichten. Das ist natürlich mit Kosten verbunden und will deshalb wohl überlegt sein. Schließlich werde ich in den nächsten Jahren viel unterwegs sein, wenn alles gutgeht. Deshalb beschloss ich, vor einer Entscheidung noch einmal einen Tag testweise im Labor zu verbringen. Ich wollte einfach wissen, ob es mir jetzt mehr Spaß macht als vor vier Jahren. Und im November ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen traumhaften Tag verpasse und mich hinterher ärgere, eher gering. Also los.

Kurz gesagt: Der Tag hat mich überzeugt. Es hat mir, ganz anders als vor Jahren, unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe verschiedene Techniken ausprobiert und stundenlang herumgematscht und experimentiert. Der Schnupperworkshop an der VHS Köln war super. Kein theoretisches Blabla, nur die allernötigste Einweisung, dann ging es auch schon los.

Solarisation in der analogen Fotografie

Solarisation
Solarisation in der Dunkelkammer

Nach ein paar ersten testweisen Vergrößerungen war ich wieder so weit, dass ich mich an ein paar Sachen erinnerte, die ich mal gelernt habe. Dann fing ich an zu experimentieren und beschäftigte mich zuerst mit Solarisation. Dabei wird das fertig belichtete Foto ganz normal ins Entwicklerbad gelegt, dann aber nochmal rausgeholt und ganz kurz ein zweites Mal belichtet. Dann erst wird die Entwicklung gestoppt, und es geht normal weiter. Alles was man dafür braucht, ist ein kontrastreiches Negativ. Also eines mit viel Schwarz und viel Weiß. Toll geeignet sind Porträts. Ich mache keine Porträts. Also nahm ich eine Schaufensterpuppe als Motiv zum Testen. Ich finde den Effekt sehr cool.

Klar, in Photoshop gibt es einen Filter, mit dem man das auch so ähnlich hinbekommt. Aber nur so ähnlich, finde ich. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich finde, man sieht den Unterschied. Aber das ist rein subjektiv und vielleicht nicht mehr als ein Gefühl. Ist auch egal, denn es macht einfach Spaß, es im Labor auszuprobieren. Auch wenn es eigentlich gar keine echte, sondern eine sogenannte Pseudosolarisation war. Der große Man Ray hat nämlich angeblich seine Negative solarisiert. Er hat ihnen also bei der Entwicklung einen Schuss Licht verpasst. Wenn’s schiefgeht, ist dabei natürlich das Negativ ruiniert. Und es geht leicht schief. Also nehme ich lieber den Abzug.

Malen mit Entwickler

Manche Experimente gehen nur in der analogen Fotografie, z.B. Malen mit Entwickler.
Malen mit Entwickler

Als nächstes habe ich probiert, mit Entwickler zu malen. Ich und malen? Geht eigentlich gar nicht, denn ich habe Malen schon als kleines Kind gehasst. Aber malen können muss man nicht. Es ist vielmehr eine ausgesprochen spannende, kreative Labortechnik. Am besten geeignet sind relativ dunkle Motive mit viel Struktur. Man belichtet das Fotopapier ganz normal, legt es dann aber nicht ins Entwicklerbad. Stattdessen taucht man einen Pinsel in das Entwicklerbad und malt nach Belieben auf dem Fotopapier herum. Dabei entstehen originelle Effekte. Wenn man, anders als ich, ein bisschen Übung hat, kann man bestimmt ganz gut vorhersehen, wie das Bild am Ende aussieht. Ich kann das nicht. Aber um so spannender ist es, sich am Ende das Ergebnis anzuschauen. Eine echt coole Sache.

Bei zu wenig Licht wird der Abzug viel zu hell.

Überraschung im Fotolabor

Überhaupt passieren viele unvorhergesehene kleine „Unfälle“ bei der Laborarbeit, wenn man mit der Technik noch nicht so 100-prozentig vertraut ist. Aber genau das macht mir persönlich unglaublich viel Spaß. Wenn eine Vergrößerung irrtümlich zu wenig Licht bekommt und deshalb viel zu hell wird, kann das manchmal auch richtig gut aussehen. In diesem Beispiel ist mir das passiert, und mir hat der Effekt, dass der Mund der Puppe verschwindet, ziemlich gut gefallen. Analoge Fotografie ist eben nicht nur beim Fotografieren eine Überraschungskiste.

Doppelt belichtet

Last but not least machen auch Doppelbelichtungen im Labor viel Spaß. Die mache ich normalerweise mit der Kamera, und das hat man in der analogen Fotografie für gewöhnlich auch so gemacht. Aber das ist ein Blindflug. Im Labor kann ich ganz in Ruhe die Negative auswählen, die ich übereinander legen möchte und sie dann gleichzeitig in die Bühne des Entwicklers legen. Ein großer Spaß.

Doppelbelichtung kann man in der analogen Fotografie auch in der Dunkelkammer machen.
Doppelbelichtung in der Dunkelkammer

Ich bin und bleibe ein Spielkind. Der Tag im Labor hat mir riesig Spaß gemacht. Analoge Fotografie bleibt für mich ein Thema. Ich bin jetzt davon überzeugt, dass es tatsächlich gut wäre, ein Labor im Keller zu haben. Ich schätze, ich mach das einfach. Die Kosten sind relativ überschaubar. Und der Spaß ist groß. Wenn die Sonne scheint, zwingt mich ja keiner in den Keller. Denn ich bin ein freier Mensch.:-) Die Frage, ob analoge Fotografie eine veraltete Technik oder eine kreative Wundertüte ist, hat sich für mich ganz klar beantwortet. Es ist eine wunderbare kreative Spielwiese. Als experimentierfreudige Fotografin sollte ich mir das nicht entgehen lassen.

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28 Comments

    1. Mir hat’s auf jeden Fall Spaß gemacht. Ich würde jetzt nicht massenweise analog arbeiten wollen, aber so zwischendurch finde ich es ziemlich toll.
      LG Renate

  1. Ich erninnere mcih gerade wieder an die Schulzeit zurück. da war ich in einer Foto-AG und habe viel Zeit in der Dunkelkammer verbracht. Allerdings ging es da eher um kreative Techniken als ums Fotografieren. Nägel auf Papier legen und dann belichten oder sowas. Hat trotzdem sehr viel Spaß gemacht. Ich hörte, dass es jetzt aber keine oder zumindest kaum noch Filme zu kaufen geben soll. Wenn dem wirklich so ist, ist die analoge Fotografie doch wirklich kurz vor ganz tot. Dann macht ein Labor auch nicht mehr viel Sinn, oder?

    1. Naja, im Fotoladen nebenan wird es vielleicht irgendwann schwierig, Filme zu bekommen. Aber es gibt ja zum Glück Online-Händler wie Fotoimpex, die sich darauf spezialisiert haben. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass es in absehbarer Zeit da Probleme gibt. Die analoge Fotografie ist meines Erachtens nicht komplett totzukriegen. Eine kleine Nische wird es immer geben, glaube ich. Kann natürlich sein, dass es teurer wird. Das macht natürlich auch nicht so viel Spaß…:-)

    1. Ja, analog ist ganz anders, aber es hat seinen ganz eigenen Reiz. Und man muss nicht dauernd am Rechner sitzen. Das machen die meisten Leute ja eh schon viel zu viel.
      LG Renate

  2. Ich erinnere mich gerade an meine Jugend, bei uns gab es nur die schwarz/weiß Filme und es war jedes Mal spannend, wenn wir einen aus dem Fotoladen abgeholt hatten. Die Spannung, was denn nun darauf zu sehen ist, oder was nicht war Klasse. Eine Bekannte hatten früher auch Fotolabore im Keller und entwickelten für uns Schnappschüsse oder auch mal abfotografierte Poster, das fand ich immer super interessant. Rein durften wir nicht, damit auch ja kein Licht hinein kommt, aber die zum Trocknen aufgehangenen Bilder durften wir dann bewundern.

    Viel Spaß wünsche ich Dir.

    LG Manja

    1. Danke Manja. Ich war auch immer gespannt, was drauf ist auf meinen Bildern. Stimmt, spannend war das schon. Mir sind regelmäßig unterwegs die Filme ausgegangen, und ich musste dann immer für teures Geld irgendwo was nachkaufen. Das hat mir weniger gefallen…:-)

      1. Das stimm, das war ein Nachteil. ging uns mal in Norwegen so und da waren die richtig, richtig teuer. Zu DDR-Zeiten gab es ja nicht immer Filme, da waren die ein kleiner Schatz und wenn der dann gerissen war, war es mega ärgerlich. Farbfilme waren ganz selten, mein Papa sagte immer, er kauft die nicht, die reißen immer und sang dann „Ich hab den Farbfilm vergessen…“ von Nina Hagen :). Sind aber doch auch schöne Erinnerungen.

        LG Manja

    2. Hallo, vielen Dank für diesen schönen Artikel. Man meint beim Lesen förmlich die Freude am Analogen zu spüren. Ich habe als Jugendlicher selbst meine sw-Bilder entwickelt und erinnere mich gern daran, wie viel Spaß das gemacht hat. Das Analoge hat eben den Reiz, dass man schon die Motive sorgfältiger auswählt und komponiert, dafür wird man dann in der Dunkelkammer belohnt.
      Viele Grüße und weiterhin viel Spaß,
      Stephan

      1. Ja, Du hast recht. Ich hatte wirklich große Freude daran. Und ich werde auch die analoge Kamera demnächst wieder mal öfters mitnehmen. Es ist eine ganz andere Fotowelt, und da gibt es für mich noch sehr viel zu entdecken. Ich freu mich drauf.
        LG Renate

  3. Meine Einstellung ist ja immer, nur weil es alt ist, ist es nicht unbedingt schlecht.
    Ich finde es toll, was für eine Freude du bei dem Ausprobieren hattest. Ich stelle mir das auch sehr interessant vor.
    Mein Opa hatte noch die alten Kameras, wo der Film eingelegt werden musste. Auch wenn die moderne Technik schon viel Erleichterung bringt, so hat doch auch dir alte Technik jede Menge Charme.

    Liebe Grüße,
    Mo

  4. Ich schätze die digitale Fotografie sehr, weil ich damit viel besser rumexperimentieren kann, was Einstellungen und solche Dinge angehen, weil ich ja gleich sehe, wie viel Licht etc. Aber manchmal erlaube ich mir mit Freunden oder im Urlaub auch noch den Spaß, und nehme eine analoge Kamera mit – und bin dann ganz hibbelig, wenn die Bilder entwickelt sind und ich sie endlich sehen kann 🙂

    1. Das kann ich gut nachvollziehen. Wir sind es halt nicht mehr gewohnt, auf die Bilder zu warten. Einerseits gut, andererseits ist auch viel Spannung verloren gegangen…

  5. Wir haben uns zwar früher oft Dias angesehen, analoge Fotos habe ich aber noch nie entwickelt.
    Es klingt aber wirklich spannend, was man da so alles machen und ausprobieren kann. Ich habe keine Ahnung wie das alles funktioniert, stelle es mir aber auch lustig vor, damit zu experimentieren.
    Liebe Grüße

  6. Ich habe früher auch schon total gern fotografiert und meine Filme dann immer zum Entwickeln gebracht! Das war jedes mal eine Überraschungstüte, wie sind die Bilder geworden? Sind auch alle Bilder was geworden? Da finde ich es heutzutage sooooooo viel leichter! Trotzdem würde mir so ein Tag im Labor auch Spaß machen! Ist doch interessant, da mal zuzuschauen!

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Klar, heute ist es viel leichter. Aber eigentlich war es ja auch irgendwie spannend, wenn ich meine Bilder vom Entwickeln abgeholt habe. Schon weil ich auch echt nie genau wusste, ob nicht der eine oder andere Film beim Röntgen am Flughafen komplett versaut war. Ich hab mich jedes Mal gefreut wie ein Schneekönig, wenn das nicht so war.
      LG Renate

  7. Interessanter Einblick in die Analoge Fotografie. Ich finde wer drauf Lust hat sollte diese Art auch am Leben halten. Ich bin eher Typ digital und freu mich, wenn ich mal meine Kamera 100% verstanden habe. Bilder mag ich sehr. Auf jeden Fall tolle Sache.
    Viele Grüße, Cindy

  8. Ohje, was waren das noch für Zeiten, als der Film nur 36 Bilder hatte und man ganz genau überlegen musste, was man fotografiert! Selbst entwickelt habe ich nie und so war jeder Film wie eine Wundertüte. Heute sieht man gleich, ob ein Foto so geworden ist, wie gewünscht. Und kann zur Not einen zweiten Versuch starten. Gefällt mir besser.

    1. Ja, das war schon manchmal lästig, dass der Film nur 36 Bilder hatte. Nach Murphys Gesetz musste ich auch jedes Mal den Film wechseln, wenn ich ein besonders interessantes Motiv vor der Nase hatte. Und je nach Motiv war die Situation dann oft genug futsch. So gesehen ist digital wirklich ein Quantensprung…

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